Amoklauf Winnenden - Zehn Jahre danach

Es geschah vor 10 Jahren...

Am 11.03.2009 tötete der 17-jährige Tim K. 15 Menschen, feuerte insgesamt 112 Schüsse ab. Seitdem ist die Stadt Winnenden nicht mehr dieselbe. Dieses Jahr jährt sich der tragische Amoklauf an der Albertville-Realschule zum zehnten Mal. Ein Grund, um nocheinmal auf die Ereignisse von vor zehn Jahren zurückzublicken - aber auch um gemeinsam nach vorne zu schauen. 
Wir möchten uns anlässlich des Jahrestages bei allen Rettungskräften, Seelsorgern und Nachbarn bedanken, die nicht nur in den schweren Stunden nach dem Amoklauf eine Stütze für die betroffenen Menschen waren, sondern auch in den vergangenen zehn Jahren. Denn in dieser Zeit hat sich viel getan.

9:33 Uhr: der erste Notruf geht bei der Polizei ein. Es dauert nur ein paar wenige Minuten, bis die Polizei an der Realschule eintrifft. Als Tim K. die Polizei bemerkt, rennt er aus der Schule - auf dem Weg erschießt er zwei weitere Lehrerinnen. Am naheliegenden Zentrum für Psychiatrie kommt durch ihn ein freier Mitarbeiter ums Leben. Er flüchtet weiter in Richtung Innenstadt. Dort zwingt er einen Autofahrer, ihn auf die B313 Richtung Wendlingen zu bringen. Doch auch eine Polizeikontrolle kann ihn nicht aufhalten - er flüchtet weiter zu Fuß und gelangt an ein Autohaus. Als die Mitarbeiter nicht auf die Forderung nach einem Fluchtwagen eingehen, erschießt er einen Kunden und einen Mitarbeiter. Es folgt ein heftiger Schusswechsel mit der Polizei - gegen 13 Uhr tötet Tim K. sich mit einem Kopfschuss selbst.

Direkt nach dem Amoklauf musste Winnenden Stärke beweisen. Menschen legen Kerzen und Briefe an der Unglücksstelle nieder. In den Stunden der Angst und in der Zeit danach stehen sie einander bei. Knapp 80 Psychologen kümmern sich um die Trauernden, ehrenamtliche Helfer, Rettungsdienst und das rote Kreuz wachsen über sich hinaus. Zu einer zentralen Trauerfeier am 21. März erscheinen tausende Menschen, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ist unter ihnen. Die Gedenkfeier wird sogar auf großen Leinwänden vor der Kirche übertragen. Der Umgang der Medien mit der Situation in Winnenden macht deutlich, wie groß die Überforderung bei allen Menschen in der Region ist. Hier wurden eindeutig Grenzen überschritten. Fest steht - nach dem 11. März muss sich einiges ändern, an vielen Fronten. 

Im März 2014 wird dann eine Gedenkstätte errichtet - ein Stahlring mit einem Bruch. Der Ring symbolisiert den Zusammenhalt der Gemeinde in dieser schweren Zeit, der Bruch stellt das dar, was der Amoklauf angerichtet hat.

Von der ersten Sekunde an ist klar - an der Schule wird nie wieder die gleiche unbeschwerte Stimmung herrschen, die man sonst an einer Schule erwartet. Die Klassenräume, in denen das Unglück stattfand, werden heute nicht mehr benutzt. Ein Raum wurde zu einem Gedenkraum umgebaut - hier stehen 15 Pulte, eins für jedes Opfer. Die Wände und Tische sind ganz in weiß gehalten. Ein weiterer Raum wurde zu einer Bibliothek umgebaut. Auch von außen sieht die Schule heute nicht mehr so aus wie am 11. März 2009 - ein Erweiterungsbau ergänzt das Bild.

Auch andere Schulen haben reagiert. Viele haben Warnsysteme eingerichtet, die Schulen in nächster Umgebung im Fall eines Amokslauf warnen sollen. Die Türen vieler Klassenzimmer hat man mit Türknäufen versehen, damit man nicht mehr so einfach von außen reinkommt. Viele Klassenzimmer wurden außerdem mit Alarmknöpfen ausgestattet, die automatisch die Polizei informieren, sobald man sie drückt. 

Schon kurz nach der tragischen Tat suchen vor allem die Angehörigen nach Antworten. Sie gründen ein Aktionsbündnis - und hoffen, ihre Antworten auch beim Vater des Täters, Jörg K., zu finden. Er wird wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen angeklagt. Denn Jörg K. ist Sportschütze. Zum Zeitpunkt der Tat besitzt er mehrere Waffen - eine davon soll er nicht vorschriftsgemäß verschlossen gelagert haben. Mit genau dieser Waffe beging sein Sohn dann später die Tat. 

Es folgt ein zäher Prozess, bei dem die Aufarbeitung der Tat für viele Hinterbliebenen zu kurz kommt. Drängende Fragen werden nicht beantwortet, eine Entschuldigung bleibt aus. Trotz allem wird Jörg K. verurteilt - zu einer Strafe von einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung. Die Entscheidung des Richters gibt auch ein Signal an zukünftige Prozesse dieser Art. So kann auch der unachtsame Umgang mit Schusswaffen schon Grund zu einer Verurteilung sein. 

Eine Schweigeminute für Winnenden

Der Amoklauf in Winnenden stellte nicht nur für ganz Deutschland ein einschneidendes Ereignis dar - sondern vor allem für unsere Region und besonders für die Stadt Winnenden. Deshalb möchten wir uns der Gedenkminute in Winnenden um 9.33 Uhr im Radio anschließen. Denn auch nach diesem tragischen Ereignis ist die Stadt nicht in ihrer Trauer erstarrt. Wir möchten mit dieser Minute der Opfer gedenken, aber auch der kompletten Gemeinde, die in dieser schweren Zeit zusammengestanden hat.

Das Interview

Wir haben mit einer jungen Frau gesprochen, die vor zehn Jahren zum Zeitpunkt des Amoklaufs in der Schule war. Laura war damals 11 Jahre alt und ging in die 7. Klasse der Albertville-Realschule in Winnenden. 
Zum Zeitpunkt, als Tim K. die Schule stürmte, saßen Laura und ihre Mitschüler im Chemieunterricht. 

Zehn Jahre später reden wir mit Laura über die Ereignisse des 11.03.2009 und wie es ihr seitdem ergangen ist. Hier gibt es das ganze Interview.


Für mich bedeutet es, dass sich mein Leben komplett geändert hat […] Der 11.03 ist für mich wie eine Neugeburt.

Laura
Amoklauf Zeugin

Ich empfinde es nicht wie zehn Jahre […] für mich ist es eher so vier, fünf Jahre her […].

Laura
Amoklauf Zeugin

Das erste Jahr danach war eigentlich jeden Tag Kampf, jeden Tag irgendwie zusammenreißen, dass es irgendwie möglich ist, jeden Tag zu funktionieren […], irgendwie den Tag hinter sich zu bringen, Zeit drüber wachsen zu lassen, dass es irgendwann wieder möglich ist normal zu leben.

Laura
Amoklauf Zeugin

Die Waffengesetze seit dem Amoklauf

Der Amoklauf löste eine Grundsatzdiskusion aus - dürfen Sportschützen wirklich solche Waffen besitzen? Und wieso wird die gesetzliche Aufbewahrung nicht korrekt oder nicht ausreichend kontrolliert?

Auch auf Drängen der Hinterbliebenen wurde das Waffenrecht in den vergangenen Jahren mehrfach geändert. In dem Jahr nach der Tat wurden insgesamt 46.188 legale und 7.017 illegale Waffen abgegeben. Bestimmte Munitionsarten wurden verboten, die Kontrollmöglichkeiten durch die Waffenbehörde wurde verschärft. Jetzt können Kontrollen unangemeldet und auch ohne besonderen Anlass erfolgen. In den letzten acht Jahren wurden über 20.000 Kontrollen pro Jahr in Baden-Württemberg durchgeführt - davor waren es nur 1500. Das Mindesalter zur Nutzung von Großkaliberwaffen wurde auf 18 angehoben. Mittlerweile kann die falsche Aufbewahrung von Waffen mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Und es geht noch weiter - das Waffengesetz wird kontinuierlich weiter überarbeitet.
 

Die polizeilichen Abläufe seit dem Amoklauf

Nach dem Amoklauf von Winnenden stand schon früh fest, dass sich auch auf Seiten der Polizei etwas ändern musste. Die Polizei Baden-Württemberg führte eine intensive Nachbereitung des Einsatzverlaufs durch. Trainings- und Einsatzkonzepte wurden überprüft, die Ausstattung der Polizei wurde überarbeitet und optimiert. Die Polizisten werden jetzt beispielsweise gezielt in der Erstversorgung von Schusswunden geschult.
 

Trauerfeier am 11.03.2019

Anlässlich des zehnten Jahrestages wird es eine große Trauerfeier in Winnenden geben - diese wird den Zusammenhalt der Gemeinde nochmals bestätigen. Sie findet am Denkmal im Stadtgarten statt. Auch Innenminister Strobl wird anwesend sein. Das Programm sieht wie folgt aus: 

  • 9.33 Uhr Läuten aller Kirchenglocken     
  • 9.45 Uhr Verlesen der Namen der Opfer
  • 9.50 Uhr Gemeinsames Gebet
  • 9.55 Uhr Musikbeitrag 

Auch in mehreren Gottesdiensten kann gemeinsam der Opfer gedacht werden. 

  • 10.15 Uhr Ökumenischer Gedenkgottesdienst, Schlosskirche
  • 18.30 Uhr Ökumenischer Gedenkgottesdienst, Peterskirche Weiler zum Stein
  • 19.00 Uhr Ökumenischer Gedenkgottesdienst, St. Karl Borromäus Kirche
Amoklauf Winnenden - Zehn Jahre danach